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Die kleinen Männer vom Attersee

Nun, da ich langsam auf die 30 zugehe, wurde es natürlich höchste Zeit, auf eine Ü30-Party zu gehen, solange ich noch U30 bin.

Nach aufwendigen Arbeiten an Makeup, Kleidung und Frisur, für die ein Archäologie-Studium hilfreich gewesen wäre oder besser noch eine Ausbildung zur Restauratorin, sah ich also endlich aus wie eine guterhaltene Ü30-Frau: frisch und unverblüht, wie höchstens 29.
Diesen strahlenden Körper, Heim eines leuchtenden Intellekts, fuhr die Zukunftslinie also endlich in einen der Lusttempel Salzburgs, wir wollen keine Namen verschweigen, in das Republic.

Nachdem ich dort Eintritt bezahlt, Garderobengeld geblecht ("Gehören der Schal und die Weste auch Dir? Die Garderobe kostet PRO STÜCK einen Euro...") fing ich bereits gereizt an zu transpirieren, das aufgemalte Gesicht einer jungen Frau drohte davonzufließen. Ich hoffe, vor Stress, kontaktfreudig und bezaubernd wirken zu wollen, nicht auf die Toilette zu müssen und dort auf die geldgeile Klofrau zu treffen.
Gelernt ist gelernt, bald hielt ich meinen besten Freund in den Händen: ein kühles Helles. Natürlich nicht so sexy wie irgendein Getränk namens piripriri, batidadecoco oder irgendwas, das man mit gespreizten Fingernägeln lasziv aus Strohhalmen trinken kann, während einem das kleine Lacktäschchen irgendwo in der Achselhöhle baumelt, aber trotzdem: das Getränk der Erhabenen.

So ließ ich meinen Blick durch den Raum wandern und gewahrte vereinzelte Männergruppen, die ihre breiten Schultern an den Tresen lehnten und allen Frauen nachgierten, die (wenigstens von hinten) irgendeine Ähnlichkeit mit Jennifer Lopez hatten. Die Arschfixierten findet man also an der Bar, vermerkte ich.
Auf der Tanzfläche rotierte die gesamte Sommerkollektion von Orsay in spastischen Verrenkungen, versuchte, mittels Zuckungen der Gesäße eben jene breitschultrigen Wesen von der Bar zu attraktieren, die sich jedoch durch die wasserstoffblonden Haare von ihren J-Lo-Phantasien abgelenkt fühlten. Zum ersten Mal beschlich mich eine Ahnung, dass dies ein einsamer Abend werden würde.

Nachdem ich entdeckt hatte, dass man bereits in den größeren Saal, den eigentlichen Ortes der Begegnung mit Menschen über 30, gehen konnte, tat ich das auch. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Mein Getränk war noch voll, die Blase nicht, mehr wurde in dem Schuppen nicht geboten.
Auf diesen wenigen Schritten schauten mich nicht einmal die Securitys, die die Tür bewachten, durch die man gehen musste, lüstern an. Was hatte ich falsch gemacht? Hätte ich mir doch freudsche Denkerfalten auf die Stirn malen sollen, um nicht nur bestechend auszusehen, sondern eben auch weise, durch das Altern gereift?
Was SIND Menschen über 30? Was würde mich erwarten? Die Sekunden, in denen ich den Raum wechselte, sie wurden zum wirklichen Krimi, schon meinte ich, David Bowies Stimme zu vernehmen, schon erahnte die Peripherie meinen Sichtfeldes das auswerfende Glitzern von Discokugeln, jetzt gleich, ja......

Es war ... so ergreifend, majestätisch, es war, als würde man eine Familie von spielenden Luchsen in den wilden Weiten überraschen, es war wie der Sonnenauf- und der Monduntergang ... eine große Halle, an der Bar lehnten Männergruppen, ebenso an den Tischen davor, auf der Tanzfläche zuckten Frauen. Ich stürzte mit großen, lebensdurstigen Schlucken mein Bier hinunter, um sogleich ein neues zu bestellen. Ich wollte mich ein bisschen betäuben. So suchte ich mir einen Platz in dieser Mischzone, wo trinkende Männer und tanzende Frauen sich zu vermischen begannen, und studierte anhand diesen Menschen das Leben jenseits der 30, das mich da auch in einigen Monaten erwartet.

Ich bin es gewöhnt, in Salzburg allein herumzustehen, ich stehe alleine an Bushaltestellen, alleine im Theater herum, alleine auf Konzerten, ich trinke alleine meinen Feierabendspritzer, gehe sonntags ins Café und lese alleine eine Zeitung, abends in Kneipen, da FÜHLE ich mich dann auch alleine. Man könnte sagen, ich fühlte mich unwohl und wollte gerade mein Bier austrinken, als sich kleine, hobbithafte Gestalten näherten und sich vor mir postierten. Ich trug an diesem Abend Stiefel mit Absatz, mit denen bin ich vermutlich 186 groß. Diese Männlein posierten neben mir, wie andere Menschen bei Madame Thussaud´s neben Jack the Ripper oder Michael Jordan für Fotos stillhalten. Unter diesen Miniaturen gab es einen Anführer, der für die Konversation mit mir zuständig war, geschätzte 1,5 Promille. Irgendwie war es mir möglich herauszuhören, dass es sich um Männer vom Attersee handelte. Diese Information beeindruckte mich offensichtlich sehr, denn der Rädelsführer blickte mich begeistert an und sagte etwas wie "Wiirrrrrr woll n abbpha nur pettingg odaaa schmuuuuusn."
Dieses Vergehen ließ ich mir sofort teuer mit einem Freigetränk bezahlen, fragte mich aber doch, wie die kleinen Männer vom Attersee auf den Gedanken gekommen sein könnten, dass ... da bemerkte ich einen wiederum stattlichen Mann, der mich während einer erhitzter Diskussion mit seinem Kumpel anstarrte, was mich irritierte, weshalb ich ihn sogleich fragte, was er so starre. "Najoaj, mia hamm uns grad übaleckt, ob Du normalerweis no so a Peitsche in deinen Stiefl steckn hast, ha hah ha weißt haha so ... dominant."
Ich beruhigte meine Nerven mit einem weiteren Getränk der Männer vom Attersee und beschloss, diesen Ort des Grauens zu verlassen.

Am Nachhauseweg ging ich eine Gasse entlang, als mir ein Mann entgegenkam, den ich ignorierte, denn ich hatte genug von Männern. Auf gleicher Höhe, sah ich ihn sich mir nachdrehen und hörte ihn andächtig in meinen Rücken sprechen: "Eine schöne Frau ... schön ... und ... laut ..."
Nachdenklich setzte ich meinen Weg fort.
Da sah ich schon wieder einen Mann! Zugegeben, die Wahrscheinlichkeit, wenn man einem Menschen begegnet, dass es sich um einen Mann handelt, sie beträgt vermutlich ca 50%, doch durch diesen Abend war ich etwas geprägt. Es ist, als wenn man durch eine Wiese geht und tritt in ein Hundehäufchen, verärgert blickt man sich um und auf einmal, wie Maulwürfshügel, die ganze Wiese voller ...
Jedenfalls stand da also einer, lungerte an einer Hausecke herum. Ich war schon einige Schritte weiter, als ich einen Verdacht hatte, umkehrte und - im Zorn des Abends - denn Mann zur Rede stellte. Ich fragte ihn, ob er etwa gerade vorhabe, hier einfach an die Mauer zu pinkeln!
Mir blickte das ganze Entsetzen dieser Erde entgegen und bärtige Männerlippen formten die Worte: "Aber nein, ich warte doch nur auf den Papa!"

Ich vermute, dass auch dieser Mann deutlich über 30 war, so hatte ich für diesen Abend genug gelernt und kam auch glücklich und gereift zuhause an.
4.2.09 21:18
 
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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


peryton / Website (9.2.09 10:26)
kaum habe ich in meiner spontanen antwort auf deinen allerliebsten kommentar gemeckert, julia, du hättest viel zu lange nichts mehr geschrieben, da hast du mir schon die watschn verpasst, die ich verdiene: dein literarischer jahresbeitrag, da steht er längst ...

(aber ganz unter uns gesprochen, julia, quasi privat, wollten wir uns nicht längst am bodensee getroffen haben? nicht auf so'ner party meine ich, sondern im hellen licht eines sommers. wie wär's damit im kommenden?)

ganz liebe grüsse:
peryton


plastikgarten / Website (20.7.10 23:30)
Wirklich sehr amüsant geschrieben!Hat Spaß gemacht zu lesen.

Liebe Grüße


Seinsobjekt (6.11.10 18:19)
Wohin muss ich pinkeln, dass eure Hoheit mich bemerkt?


wfremd (18.11.10 22:47)
War auch interessant zu leben

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